Der freie Wille des Hundes

Jedes Lebewesen hat einen freien Willen

Wer diese Tatsache anerkennt, hat es auch in der Erziehung seines Hundes leichter. Menschen vergessen oft und gerne, dass Signale (häufig auch Kommandos genannt) keine Knöpfe sind, mit denen man seinen Hund steuern kann, wie einen Fernseher.

Ein Hund hat auch dann noch einen freien Willen, wenn er gelernt hat, was wir unter “Sitz” verstehen. Er wird auch dann noch abwägen, ob er gerade sitzen kann und möchte. Und er wird in bestimmten Situationen vielleicht auch einfach zu aufgeregt, zu erschöpft, zu abgelenkt oder sonstiges sein, um gerade auf unseren Wunsch hin zu sitzen. Dies gilt für jedes andere Signal genauso. Ob der Hund “Fuß” gehen soll, angerannt kommen soll, etwas Leckeres ausspucken soll oder vom Sofa gehen soll. Stets hat das Individuum Hund ein eigenes geistiges, körperliches und emotionales Innenleben, was automatisch auf die Ausführung unserer Wünsche Einfluss hat – ob wir nun damit klar kommen oder nicht.

Nun steht und fällt unser zufriedenstellender und gefahrenloser Alltag mit unserem Hund aber ja damit, ob er ein verlässlicher Begleiter ist und da gehört doch dazu, dass er hört. Oder etwa nicht?

Natürlich ist es nicht möglich, einen Hund beim Spaziergang abzuleinen, der nicht wieder kommt, wenn man ihn ruft. Und es ist auch sehr gefährlich, wenn ein Hund sich nicht davon abbringen lässt, alles zu staubsaugen, was er findet. Bestimmte Dinge müssen sitzen.

Aber wie, wenn der Hund einen freien Willen hat und zwar einen anderen als wir?

Was, wenn der Hund nicht der Meinung ist, dass er das Reh ziehen lassen und zurück kommen sollte? Hier gibt es zwei Möglichkeiten, mit dem freien Willen des Hundes umzugehen: Entweder man gewinnt ihn für sich oder man bricht ihn.

Du kennst sicher ein paar Hunde. Haben alle von ihnen ihren freien Willen behalten? Viele Erziehungs- und Trainingsmethoden zielen darauf ab, dem Hund allmählich klar zu machen: “Ich Chef, du Nix!” Hierzu gibt es auch viele Tipps, die den Hund davor warnen sollen, seinen eigenen Willen zu haben. Die Besitzer sind meistens selbst gar nicht so scharf darauf, ihren Hund zu einer Marionette zu erziehen, denken aber, dass dies der einzige Weg wäre einen Hund erfolgreich auszubilden. Und dann gibt es ja auch immer noch die willensstärkeren Hunde, die durch ihr “dominantes” Verhalten die Führungsqualitäten ihres Menschen in Frage stellen und somit nichts anderes verdienen, als erniedrigt zu werden – am besten gleich im Welpenalter.

Viele Hunde lernen einfach nur, dass sie vorsichtig sein müssen.

Einfallsreichtum und Selbstvertrauen sind nicht erwünscht. Sie schwanken irgendwann dann zwischen Aggression, Angst, Frustration und Depression, dürfen dies aber natürlich auch nicht äußern, da dieses Verhalten nicht erwünscht ist. Wird ein Hund konsequent in seinem Verhalten abgesägt, sieht dies für einen normalen Menschen bald aus, als wäre der Hund zuverlässig, hörig und treu – in Wirklichkeit ist er aber innerlich gebrochen und alles andere als glücklich. Und meiner Meinung nach sind diese Hunde auch nicht wirklich zuverlässig, denn sie sind labil und damit in neuen Situationen auch sehr schwer einzuschätzen.

Deshalb möchte ich die letztere Herangehensweise mit diesem Text stark in Frage stellen. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man mit einem Hund viel weiter kommt, wenn man mit ihm an einem Strang zieht und seine Interessen und sein Innenleben respektiert und mit einbezieht. Und damit meine ich nicht, dass man nach der Pfeife seines Hundes tanzen und ihm auf seinen treuen Blick hin sofort ein Rindersteak aus dem Kühlschrank holen muss!

Damit meine ich, dass man die Dinge, die für das Zusammenleben wichtig sind, so erarbeitet, dass sie die Bedürfnisse des Hundes genauso berücksichtigen wie die des Menschen und einen Kompromiss darstellen. Durch Organisation, angemessene Reaktion und positive Resultate für beide Seiten verändert sich nicht nur die Beziehung schnell in etwas extrem erfüllendes, sondern auch die Erziehung! Denn wenn ein Hund angst- und stressfrei, in kleinen Schritten und mit einem nachvollziehbaren Sinn an unser Wunsch-verhalten herangeführt wird, wird er auch mitmachen!

Und das Schönste daran ist: Nicht weil er keine andere Wahl hat, sondern weil er es WILL!

Ein Hund folgt Weisheit und emotionaler Stärke. Denn es ist nicht nur Kraft und Größe, die einem Schutz gibt, in der Welt da draußen, sondern vorallem Gelassenheit und Ruhe. Und wer immer noch glaubt, dass das Wort "Rudeltier" bedeutet, dass sich dieses Tier gerne herumschubsen lässt, der hat noch nicht verstanden, dass das Wort "Rudel" zu aller erst mal für ZUSAMMENHALT steht.

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